24. Juli 2014

Steilpass – „Mensch spiel doch nach vorne!!!“

fussball

Ja, ja, ja! Wir sind Weltmeister!!! Das ist das, was jetzt zählt.

Und somit vergessen all der Unmut, der zwischendurch doch aufkam. Vergessen die Quer- und Rückpässe, die den einen und anderen Zuschauer auf die Palme gebracht haben. Klar, vorm Fernseher sitzend, bestenfalls mit Chips und Bier, ist dieses  Aufregen besonders berechtigt.

Ich zählte dazu! „Spiel doch nach vooooorne!“ Und irgendwie schoss mir plötzlich in den Kopf: „Kommt dir das im übertragenen Sinne nicht irgendwie bekannt vor?“

Am nächsten Morgen habe ich dann mal mein persönliches Fußballmatch – parallel zur WM – im Büro beobachtet. „Wie viele Rück- und Querpässe spielst du selbst so in der täglichen Kommunikation und Organisation? Was stapelst du von rechts nach links, ohne es zu bearbeiten, abzulegen oder wegzuschmeißen? Das ist jetzt die vierte Mail, die uns nicht wirklich weiterbringt. Wie oft könntest du das Quer-Gekickere lassen und stattdessen besser mal einen Steilpass wagen – oder zumindest überhaupt einen Pass nach vorne, in Richtung Tor … Ziel?“

Mal ganz vereinfacht gedacht, nur mit Blick auf Steilpässe.  Nur mal diesen einen Punkt übertragen, der mich vor dem Fernseher so aufregt. Außen vor gelassen die Komplexität eines gesamten Fußballspiels, ohne einen Gegner mit ins Spiel zu bringen, bei dem solch ein Steilpass ungünstiger weise landen könnte. Oder auch die Tatsache, dass man eh schon 2:0 führt.

Nein, einfach nur die simple Frage: „Spielst du gerade den Ball nach vorne oder einfach nur zur Seite, ohne jeglichen Raumgewinn – spielst du ihn sogar zurück, fangen wir zum wiederholten Male beim eigenen Torwart wieder an?“

Meine eigenen, konkreten Quer- und Rückpässe, die mir in den Momenten bewusst wurden, sie anzuschauen, war fast peinlich. Denn eigentlich sind es meist Banalitäten, bei denen eines sicher ist: Nach vorne kommt der Ball so nicht.

Naja, fast genau so banal, wie vor dem Fernseher zu erkennen: Das Tor ist doch auf der anderen Seite, da muss der Ball doch rein! „Und niiiiiiiiiiiiicht da hinten!“

 

03. Juli 2014

„Auf das, auf das es wirklich ankommt im Leben!“ – Ein gelebtes Plädoyer für eine neue Bildung

Buecherstapel

Nochmals herzlichen Dank an Gerlinde Lamberty für das Symposium am 14. Juni – und an Margret Rasfeld und ihre 4 Schülerinnen, die, wie sie selber sagen, gemeinsam Schule wieder vom Kopf auf die Füße stellen.

Wir alle waren überrascht, dass all das in unserem heutigen Schulsystem bereits möglich ist. Aber viel mehr waren wir berührt, mit dem nachträglichen Wunsch: „So hätte ich Schule selber gerne erlebt!“ Zurückdrehen geht nicht, aber nach vorne schauen und ändern sehr wohl. Erzählen Sie es einfach weiter! Hier eine Mitschrift:

Die Kernaufgabe unserer 40.000 Schulen ist der mündige Bürger. Wo aber lernen Schülerinnen heute so Lebenswichtiges wie Risiko, Perspektivwechsel, Bridging und Umgang mit Heterogenität?

Und noch viel wichtiger ist die Frage: Was machen wir täglich mit den Seelen unserer Kinder? Allein das Vermehren von Wissen führt nicht zur Vermehrung von Menschlichkeit.

Schule prägt Einstellungen und Haltungen. Lernen läuft über Beziehung. Klassische Schulen hingegen sind Beziehungs-Verhinderungs-Anstalten, eingefasst in Strukturen und strukturierten Problemen. Sinn und Autonomie aber sind nicht steuerbar.

Margret Rasfeld, Leiterin der evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum, macht einfach alles anders. Kein Frontalunterricht mehr, weil es Jahrgangsmischung gibt. Die Schüler der 7. und 8. und 9. Klasse gehen von 8.30 bis 9.30 Uhr in gemeinsame Lernbüros und entscheiden selber, worauf sie Lust haben. „Ist mir heute nach Mathe, Englisch oder Biologie?“ Und da gehen sie dann hin und bearbeiten selbstständig ein Thema.

Kinder haben eine Sehnsucht nach Autonomie!

Es sind etwa 18 Schüler in solch einem Lernbüro mit einem Team aus  zwei Lernbegleitern, gleichzeitig Berater und Coach, die den Rahmen schaffen. Die Schüler organisieren sich selber. Kein Problem, denn alle können sich gegenseitig helfen. Wer krank ist, hat nichts verpasst.

Unterstützt werden sie zudem von einem Tutor, der auch für Privates und Probleme da ist. Die Schüler schätzen sich in jeder Stunde selber ein: „Das war gut, das kannst du noch besser machen.“ Und sie führen ein persönliches Logbuch, gemeinsam mit dem Tutor, darin stehen ihre Ziele und worauf sie stolz sind. Erst ab Klasse 9 gibt es Noten.

Motivation entsteht durch Wertschätzung!

Jede schreibt erst dann den Test, die Klassenarbeit, und zwar alleine, wenn sie das Thema verstanden hat, sie es für sich passend hält. So gibt es auch keine gemeinsame Rückgabe von Arbeiten mit dem Vergleich von „besser“ und „schlechter“.

Am Donnerstag ist Projekttag. Das bedeutet Arbeiten in sozialen Projekten, draußen im wahren Leben. Da zum Beispiel werden Schüler zu „Sprachbotschaftern“, die gemeinsam mit anderen Schülern in sozialen Brennpunkten lernen.

Kinder mit geistiger Behinderung oder sonstigen Schwierigkeiten gehen in die Lernbüros Plus: Plus an Zeit, Plus an Material, Plus an Ruhe, ein Plus an Lehrern.

Jeweils Freitag findet eine Vollversammlung statt. Es singen alle das Lied der Woche und ein Happy Birthday für jeweils die, die Geburtstag hatten. Und dann gibt es noch das Lobritual. Jeder kann auf die Bühne gehen und andere für etwas loben. So lernen die Schüler ganz nebenbei öffentlich zu sprechen und vor allem ihre Meinung zu sagen.

Halbjährlich gibt es Auszeichnungsversammlungen, in denen sie sich untereinander auszeichnen: den Aufsteiger des Jahres oder auch andere selbst gewählte Auszeichnungen.

Gesehen werden ist das Wichtigste für unsere Motivation!

Soweit, so gut? Und jetzt geht es erst richtig los!

Margret Rasfeld: „Wir haben in unserer Gesellschaft kein Wissensdefizit, sondern ein Handlungsdefizit!“ Deshalb hat diese Schule neue Fächer erfunden, die im Leben stattfinden.

Denn jedes Kind hat ein Recht auf Engagement!

Im Schulfach „Verantwortung“ gibt es ein freies Zeitfenster für Engagement. Die Schüler mischen sich ein. Und sie können ihre eigenen Visionen umsetzen.

Sie suchen sich dazu ein Projekt: eine Kinderstation im Krankenhaus, mit den kranken Kindern zu spielen, einen kleinen Jungen vom Kindergarten abzuholen, da beide Eltern berufstätig sind oder Ausländerkindern in der ersten Klasse oder im Flüchtlingsheim Deutsch beizubringen.

Das ist Herzensbildung. Da erleben sie aktiv Sinn, gebraucht zu werden, erfahren sich als selbstwirksam. Andere Schüler haben im November 2011 in Berlin 100.000 Bäume gepflanzt und 250 Kinder zu Klimabotschaftern ausgebildet. Zum Schluss gibt es ein Verantwortungsfest.

Dann folgt die nächste Steigerung, das Schulfach „Herausforderung“. Jeder sucht sich selber jeweils in der 8. und 9. und 10. Klasse eine Herausforderung für drei Wochen – raus aus Berlin, mit einem finanziellen Budget von jeweils € 150.

Eine Schülerin berichtete über eine Radtour zur Tante von Berlin nach Schwäbisch Hall,  mit Übernachtung in der Wildnis. Andere haben Interviews in Griechenland durchgeführt: „Wie fühlen sich die Griechen wirklich? Was Presse verschweigt, das bilden wir ab!“ Wieder andere erzählten von einer Wanderung in Frankreich. Nach der Zugfahrt Berlin-Paris waren die € 150,– allerdings schon futsch. „Was nu?“ und „Hoppla, hier sprechen die ja alle nur französisch“. Zur Seite gestellt, als Begleitung bekommen sie Studenten, für die das ebenfalls eine große Herausforderung darstellt.

Aus den Projekten entwickeln sich starke Teams, starke Persönlichkeiten, sie erleben mit Ungewissheit umzugehen. Das steigert das Selbstbewusstsein! Da lernen sie scheitern und weiter zu machen. Da entstehen Freundschaften fürs Leben, sie gehen gemeinsam durch dick und dünn und werden diese Erlebnisse nie vergessen.

In Klasse 11 steigert es sich nochmals. Da geht es dann für 3 Wochen selbstorganisiert ins Ausland, um auch interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Auch das gelingt ihnen. Da sie die Herausforderungen vorher bereits gemeistert haben.

Wer als Eltern jetzt neben der Sehnsucht „Das hätte ich als Kind auch gern gehabt“ gleichzeitig Panik verspürt: „Wenn mein Kind dem schutzlos ausgeliefert ist …“. Für all die gibt es ein SOS-Telefon. Nein keines, in dem man dann umgehend sein Kind erreicht. Am Hörer sind andere Eltern, die das bereits hinter sich haben, die diese Eltern dann beruhigen und ihnen während der elterlichen Herausforderung beistehen.

All diese Kinder entwickeln unglaublich viel Willensstärke und Durchsetzungsvermögen. Das durften wir erleben, bei denen, die berichtet haben. Beeindruckend und ermutigend!

Und was sagte ein Schüler: „Ich habe gemerkt, ich kann Energie nutzen, die ich eigentlich gar nicht habe!“

Zum Abschluss noch: Liebe Unternehmen, wenn ihr in Zukunft solche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wollt, wenn ihr euch für eure Kinder und Enkelkinder solche Schulen wünscht, dann steckt doch nur 1 Prozent eures Werbebudgets in solche Schulen für eine bessere Ausstattung an Lernhilfen. Denn daran mangelt es noch.

Besser kann Geld nicht investiert werden!