22. Mai 2015

Wenn es bedrohlich harmonisch wird – Dissens fördern

gefangen

Konflikttrainings sind in Unternehmen an der Tagesordnung – um die Wogen zu glätten, um Widerstand aufzulösen, damit die Unternehmenswelt wieder in Ordnung kommt, sich Harmonie wieder einstellt.

Was aber, wenn es in Unternehmen zu harmonisch zugeht? Wenn niemand mehr sagt, was er wirklich denkt? Was, wenn Besprechungen ermüden, sich alles im Kreise dreht, es nicht darum geht, worum es wirklich gehen sollte? Und alle schweigen! Was, wenn niemand mehr aufsteht und fordert all den Unsinn doch einfach mal zu lassen? Kaum einer nimmt zu viel Harmonie im Unternehmen als Gefahr wirklich wahr.

Wir reden hier nicht über die Querdenker, die zwar immer gefordert werden, die aber keiner wirklich haben will. So viele quer Denkende gibt es auch gar nicht, die dieser Rolle auf Dauer gerecht werden könnten. Für Querdenker würde es im Unternehmen zudem sehr einsam und langfristig sehr kraftraubend. Und selbst wenn sie da wären, würde einen titulierten Querdenker eh keiner ernst nehmen: „Ach unser Querdenker, der beruhigt sich schon wieder.“ 

Es wäre schon etwas anderes, wenn mal einer aufsteht und Tacheles redet, bei dem man gar nicht damit rechnet. Und dann kommt ein zweiter, auch ein bislang eher ruhiger, zurückhaltender Typ, der mutig die wirklichen Themen auf den Tisch bringt. Vielleicht brauchen wir nicht nur eine Frauenquote, sondern auch eine „Tacheles-Quote“, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die diese (Fremd)Sprache noch oder wieder beherrschen.

Bewusst Dissens fördern, zum Wohle aller und des Unternehmens – mit der klaren Ausrichtung der Weiterentwicklung, raus aus dem Stillstand! Das Recht und die Pflicht auf Meinungsfreiheit.

In welchen Unternehmen gibt es überhaupt Handlungsbedarf? In den Unternehmen, in denen eine Plastiksprache herrscht, wie Vasek Thomas es nennt. Man hat höchstens mal ein Kommunikationsproblem, in den Teams kommt es nur zu leichten Missstimmungen, wenn dauernd von Synergieeffekten und Win-Win-Situationen gesprochen wird. Wenn nur noch an-gedacht und an-geplant wird, wenn Begriffe wie ergebnisoffen, suboptimal, zeitnah, abstimmen, koordinieren, mal die Köpfe zusammen stecken – ungutes Gefühl, gefühlte Stimmung und gefühlte Entscheidung an der Tagesordnung sind. Es wird Zeit, wenn die „vielleicht“ und „irgendwann mal“ Überhand gewinnen.

Wenn wir glauben, das ist überhaupt kein Thema, die Wogen seien eben geglättet, könnte das ein großer Irrtum sein. Hinter dieser Harmoniekultur gedeiht meist zwangsläufig etwas anderes: Klatsch, Tratsch und Intrigen. Denn, was gesagt werden muss, wird auch gesagt, nur hinten rum und verdeckt.

Was konkret tun? Bewusst Dissens erzeugen und das auch so benennen: kritisch hinterfragen, persönlich ins Risiko gehen, deutlich Stellung beziehen, eine klare Sprache sprechen, konkret werden, sich festlegen, Vielfalt der Meinungen und Perspektiven einfordern, Gegenposition einnehmen, Regeln gezielt brechen, Argumente schärfen und Verantwortlichkeit leben und fördern.

All das einfühlsam und gewaltfrei. Und das geht!