02. März 2016

Kontaktreich aber beziehungsarm – Freundschaften in Unternehmen

Freundschaft

Es gibt noch Menschen, die mailen nicht zurück, sondern nehmen den Hörer in die Hand und rufen an. Und auf einmal spürst du: „Mensch, das war jetzt aber richtig nett, mit dem mal wieder zu telefonieren, mal wieder persönlich gesprochen zu haben. Einige Mails hin und her hätten sogar länger gedauert – und auf einen wichtigen Punkt wären wir so wahrscheinlich gar nicht gekommen.

Ich stelle mir jetzt vor jeder Mail die Frage, ob es nicht schneller und persönlicher ist anzurufen. Wir sind so drin in diesem Antwort-Button-Modus. Zack, gleich raus, puh schon mal erledigt.

„Willst du mein Freund sein?“ Klick! „Darf ich Sie zu meinen Kontakten hinzufügen?“ Klick! Und dann stellst du bei Xing oder Linkedin fest, ist nicht wirklich so gemeint, derjenige sammelt einfach nur. Der sammelt Menschen, um seine Kontaktzahlen nach oben zu treiben. Vielleicht stehen diese Getriebenen nur irgendwann ohne Beziehungen da?

Was ist wirklich von Wert? Frage ich mich am Abend: „Wie viele Mails hast du heute verschickt? Macht mich das glücklich?“ Oder ist es im Rückblick nicht doch das Menschliche. „Das hat Spaß gemacht mit dir, mal 5 Minuten zu reden“. Anteilnahme am anderen. „Hat mich heute in der Begegnung etwas wirklich berührt?“

Es ist mittlerweile absurd, dass Mitarbeiter in einem Raum sitzen und über Mails miteinander kommunizieren. „Leben“ in einer Klickwelt. Es schafft auch was weg, aber gut tut uns das nicht.

Wir brauchen Freundschaften – und dafür braucht es physische Nähe, das interessierte Gespräch. Auch im Unternehmen – inzwischen vor allem im Unternehmen.

Denn Beziehungen sind eine wichtige Ressource, sie spenden Energie, können den Akku wieder aufladen oder dafür sorgen, dass er sich gar nicht entlädt. Nur 3 Minuten dem anderen intensiv zuhören, tut beiden gut, stärkt beide.

„Keine Zeit!“ Gerade dann wird es dringend Zeit, das Wiederbeleben von Beziehung, eine Kultur der persönlichen Begegnung zu fördern, den Wert der Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit wieder zu entdecken. Auch durchaus im Sinne von gemeinsamem Erbringen von Leistung.

„Bei Beziehungsfragen hilft heute der Coach!“ Sobald ein Problem auf der sachlichen und menschlichen Ebene auftaucht, ist nicht mehr die Führungskraft gefragt. Dann muss ein Coach her. Dem kann man sich dann öffnen, wenn es um persönliche Dinge am Arbeitsplatz geht. Das ist dann auch so etwas wie ein vom Unternehmen bezahlte Freund – ohne freundschaftliche Gegenleistung natürlich. Ganz praktisch! 

Nichts gegen Coaching! Nur ist Coaching ist kein Ersatz für Beziehungskultur! Das ist ein „weg von“, ein Auslagern, und kein hin zu – zu mehr Vertrauen zum Beispiel! Ein Coach ist nicht dein Freund, nicht da, wenn es wirklich drauf ankommt. Professionell berührt vielleicht, wirklich mitfühlend, weil er dich gut kennt, nicht.

Die Wissenschaftsjournalistin Carlin Flora fand heraus, dass diejenigen, die am Arbeitsplatz einen Kollegen zum Freund haben, im Durchschnitt 40 Prozent zufriedener mit ihrem Job sind als diejenigen Kollegen ohne einen solchen Freund. Den braucht man auch mal als mögliche Rückendeckung. Und solche „Frollegen“ sind nach einer Untersuchung des Organisationspsychlogen Francis Flynn von der Stanford Universität produktiver als jene, die sich stur auf die Arbeit konzentrieren.

Sachlich gute Argumente? Für die, die meinen „Viel zu viel Gefühlsduselei, das mit den Freundschaften“ eher nicht!

Und klick!