18. April 2016

Ein planbarer Zustand namens „Flow“

photocase6eb2rn4j56212571 (1)Ist das 4:3, mit dem sich Liverpool am 14. April in der Nachspielzeit den Einzug in das Halbfinale der Europa League erschossen hat, ein Jahrhundertwerk? Nur im Sport wirklich möglich – oder war es einfach nur ein Glücksfall?

Lässt sich solch ein Glanzstück auch in die Unternehmenspraxis übertragen?

Wie prophezeite ein Fernsehreporter zur Pause: „Da wird es jetzt in der Kabine richtig laut werden!“ Es wurde aber nicht wirklich laut. Denn dann hätten die Liverpooler den 0:2 Rückstand mit Sicherheit nicht gedreht. Wir Dortmunder hätten uns gewünscht, es wäre mal besser verdammt laut geworden. Aber Klopp wählte die magische Halbzeitansprache“, wie Focus online es titulierte.

Denn trotz des 0:2 nach 45 Minuten war Jürgen Klopp nicht wütend auf seine Spieler – ganz im Gegenteil. Er hat gesagt wir müssen einen Moment erschaffen, von dem wir unseren Kindern und Enkelkindern erzählen können. Wir mussten die Nacht besonders machen für die Fans und wir haben alle daran geglaubt„, sagte Liverpools Stürmer Divock Origi im englischen Fernsehen. Emren Can zu einem weiteren Detail von Klopps Ansprache: „Als ich in der zweiten Halbzeit in die Gesichter der Spieler geschaut habe, habe ich gesehen, dass jeder daran geglaubt hat. Jeder Fan hat daran geglaubt.“

Klopp hat in der Halbzeit gelächelt und gesagt: „Wir müssen geduldig sein, wir haben es gut gemacht.“ Und dann zeigte er seinen Spielern trotz der zwei Gegentreffer in kurzen Videoclips vor allem positive Szenen aus der ersten Halbzeit.

Und was genau war das, das dann in der zweiten Halbzeit auf dem Platz ablief?

Auch Pelé kannte das und beschrieb es in seiner Autobiografie „My Life and the Beautiful Game“: „Es war eine Art von Euphorie. Ich hatte das Gefühl den ganzen Tag laufen zu können, ohne müde zu werden. Ich fühlte mich, als könnte ich jeden anderen Spieler umdribbeln oder durch die ganze gegnerische Mannschaft dribbeln. Es fühlte sich an, als könnte ich geradezu körperlich durch sie hindurch marschieren.“

Das ist nicht wirklich Magie! Sportler nennen es „in the Zone“, den Zustand, in dem sie Spitzenleistungen erbringen.

Und jeder von uns hat wahrscheinlich solch einen Zustand von „Flow“ schon selber mal erlebt – diesen optimalen Bewusstseinszustand, in dem höchste Aufmerksamkeit, einfach Motivation und eine Aufgabe, die uns richtig herausfordert, zusammenkommen.

Auch „Flow“ ist kein Jahrhundertwerk, ist nicht nur im Sport möglich – und schon gar kein Glücksfall! Das Einzige, was diesem Zustand im beruflichen Alltag im Wege steht: Wir setzen uns „Flow“ nicht zum Ziel, wir schauen nicht, was es braucht, um uns selber jetzt in diesen Zustand zu bringen.

Und was Liverpool noch gezeigt hat: Flow ist nicht zwingend ein Einzelwerk. Dieser „Ausnahmezustand“ ist als Team erreichbar. Ein Typ wie Klopp kann das fördern.

Aber ein Team kann sich auch ohne Trainer, auch ohne Führungskraft in diesen Zustand bringen und herausragende, spaß machende Ergebnisse erzielen.

Ich weiß, wovon ich rede – und ich bin mit dieser Erfahrung alles andere als allein!