24. August 2016

Kann die Frage der „Chemie“ vor dem Coaching auch kontraproduktiv sein?

Chemie muss stimmen

Viele Unternehmen greifen bei internen Coachinganfragen auf einen bestehenden, erstklassigen Coach-Pool zurück. Der Coachee wählt aus den Profilen aus oder erhält von HR Empfehlungen. Dann folgen meist mehrere Vorgespräche zur Prüfung, ob die Chemie zwischen beiden auch stimmt.

Denn Coaching ist eine Vertrauenssache, da sollte es auch persönlich passen. Das ist gesetzt, anders geht es gar nicht!

Jetzt könnte es aber sein, dass ich mir selber unbewusst einen Coach wähle, der mir mehr liegt als andere – und ich dann nicht den großen Schritt gehe, den ich eigentlich gehen könnte.

Denn würde die Chemiefrage dafür sorgen, die eigene Komfortzone zwar zu verlassen, aber nur soweit, wie es mir noch behagt? Begrenze ich mich nicht dadurch zwangsläufig in meinen Chancen der intensiven positiven Auseinandersetzung?

Vielleicht spiegelt der Coach mit den anfänglichen chemischen Dissonanzen mir genau das, was mich letztendlich einen größeren persönlichen Entwicklungsschritt weiterbringt.

Natürlich kann es nicht sein, dass eine Führungskraft von jemandem gecoacht wird, mit dem er überhaupt nicht klarkommt.

Dennoch! Wenn ein Unternehmen solch einen exzellenten Coachingpool zusammengestellt hat, dann wird der Coachee doch auf jeden Fall ein exzellentes Coaching erhalten. Warum muss dann noch die Chemie stimmen?

Wie wäre es, wenn der Coachee seinen Coach zugelost bekommt? Natürlich vorausgesetzt, dass er dann auch thematisch den Passenden an seiner Seite hat. Das muss schon gewährleistet sein, dass wenn es um mehr Präsenz und vielleicht auch Lampenfieber geht, dass der Coach dann der Spezialist für diese Themen ist.

Zur Sicherheit kann es dann immer noch eine Möglichkeit des Einspruchs nach dem ersten Gespräch der Auftragsklärung geben. Ohne Begründung, er kann den ersten zugelosten Coach ablehnen. Den nächsten nicht mehr, immer vorausgesetzt, es ist niemand in diesem Coachingpool, der da eigentlich nicht sein sollte.

Allein die Fragestellung und die Auseinandersetzung mit sich selbst, warum habe ich den Coach jetzt abgelehnt oder warum würde ich ihn gerne ablehnen, birgt Entwicklungschancen. Da könnte HR wiederum als Berater und professioneller Spiegel zur Seite stehen.

Wäre losen nun mutig oder unmenschlich, ein absolutes Tabu? Oder bereits ein erster Schritt, dem schlummernden Potential erheblich näherzukommen und die eigenen Grenzen zu erweitern? Die Chemie wird sich im Prozess schon einstellen, wie auch immer! Ich soll den Coach ja auch nicht unbedingt mögen, sympathisch finden oder mit ihm Freundschaft schließen.

Eine Führungskraft, die von ihrer Persönlichkeit dazu neigt sich einen eher toughen Coach zu suchen, könnte einen „sanfteren“ bekommen, der ihm möglicherweise genau diese wichtige Seite in ihm spiegelt.

Und natürlich kann/muss es ein „sowohl-als-auch“ geben! Losen ist geeignet für das Entwicklungscoaching, das jemand den nächsten Schritt in Angriff nehmen will und der Coach ihn oder sie dabei unterstützt.

Wenn es ein tiefergehendes Problem gibt, dann „will kein Mensch“ einen Coach zugelost bekommen. Dann muss der Coachee von Anbeginn das Gefühl haben, er kann das mitentscheiden, zu wem er das Vertrauen hat seine Persönlichkeit preiszugeben, bei wem er sich öffnet. Aber vielleicht entscheidet er oder sie sich selbst dann für das Los.

Und jeder Coach, der das Losen grundsätzlich ablehnt, sollte sich fragen, ob er im Vorabgespräch nicht auch wählt, wen er haben will – und somit deutlich chemisch ablehnende Substanzen sendet.